> index > life > table > pairs > quotes > biblio > more > mail

franz xaver messerschmidt: quotes

1770

F. X. Messerschmidt: Brief an den Bruder Johann Adam (14. Juni)

Wiener Stadt- und Landesbibliothek, Handschriftensammlung, Inv. 19.473 - In extenso publiziert in: Ilg 1885, Dok. I, S. 62f.; Pötzl-Malikova 1982, Dok. XI, S. 128f.; Krapf 2002, S. 286f.

«...ich muss aber gestehen, daß mir niemalen in den Sünn gekommen wäre, wan du mir nicht auf dein erstes unbilliges Schreiben die Gelegenheit gegeben hättest die Feder zu spitzen, und das, was sonst nicht bei zwey Fremden, viel weniger bey zwey Brüdern gebräuchlig ist, dir vorzulegen. Es ist zwar, wie das Sprichwort lautet, denen unverständigen sehr hart predigen, nichts desto weniger will ich den ganzen Brief, ohne zuschweigen, beantworten, und dem Verfasser deines Schreibens zur Nachricht dienen, dass er zwar ein Kenner der Feder, aber nicht der Kunst seye, es scheint mir, daß er müße ein Advocat seye, indem du nach empfangenen grossen Lohn, und Geschänkniß, welche du nicht verdienet hast, eine weitere Anforderung machen willst; ... erinnere dich, da du mich um die 12 Ducaten, welche du mir schuldig warest, angeredet, daß ich dir diese schenken möchte, wie auch geschehen, das ist nach hiesigen Gebrauch kein Lohn; du machst es wie dein Schwager ...

Den Lohn welchen du nebst andern bey meiner Krankheit von mir hast, kann ich billig eine Anforderung machen, mach mir nur zu wißen, ob ich in Presburg einen Stempel-Bogen haben müße, und bei welchem Gericht die Anforderungs-Klag müße eingegeben werden, hernach wollen wir erst die Rechnung der Zeit und des Lohns machen, und da versprich ich dir, so viel Kreuzer als du von mir zuforderen hast, so viel Ducaten gib ich dir, aber eins müste vorher geschehen, daß du die Prob machest, wie viel du an Metall-Arbeit verdienest, welches ich von einem Fremden will beurtheilen lassen, so weiß ich gewiß, daß mir wochentlich von den 3 Sibenzehner, wan du dabey die Kost hättest, müste etwas zurückfallen, denn bey der selben Arbeit ist von deiner Invention nicht ein Nagel dabey viel weniger was anders, was du geraschpelt, geschabt, und geschliffen hast, das machen meine Lehrbuben beßer, welche noch nicht vollständige zwey Jahr bey mir gelernet haben, diese verderben mir auch keinen Gibs, und haben diese etwas andes zuthun, so nihm ich einen Tagwerker zum schleiffen, dieser hat täglich meistens einen Sibenzehner, da kannst du außrechnen, waß ich für einen Schaden gehabt, indem du mich über 50 fl wochentlich gekostet hast, welches ich mit wenigeren als 51 xr. hätte richten können, da hab ich wohl anstatt einen xr. einen fl. aus gegeben und dafür zum Dank Grobheit.

Nebst diesem frage ich dich wer dir geschrieben habe, daß du sollst zu mir kommen, und sagst noch, alls wenn ich dich um Gottes Willen gebethen hätte, daß du sollest meine Arbeit machen, und deine unterlassen, das hab ich niemalen verlangt, sondern du bist aus freyen Stück zu mir gekommen aus Ursach um erben zukönnen.

(...) aber die Schand ist gar zu groß und noch gröser wird sie seyn, da du andern diß Schreiben in die Händ geben wirst, da wird ein jeder vernünftige Mann sehen, daß du wenig Gehirn im Kopf hast. Inskünftige schreib gescheit, du kennst mich, und denk, daß ich dein älterer Bruder seye, ansonst wirst du erst erfahren, wo du mit dem blosen Degen auf mich gegangen und ich dabey krank gewesen, um Geld von mir herauszupreßen, erinnere dich nur ein wenig derselben Zeit und nihm deine fünf Sinn zusammen und denk, was einem solchen gebühre und wie ich mich bei dieser Unbilligkeit verhalten, da wirst du an deinen älteren Bruder wahrnehmen können, wie er gegen dir gesonnen gewesen, womit ich dir alles Ersprießliche anerwünsche.»

o. J.

 

Joseph v. Sperges: «Entwurf einer hohen Protektorats-Resolution...» (o. J.)

Wien, Allg. Verwaltungsarchiv, Studienhofkommission 1791, Akademie der bildenden Künste, Nachlass Heider, 6, fol. 26-28 - Vgl.: Wegleiter, Ingeborg: J. B. Hagenauer, PhD Wien 1952 (Ms); cit.: Pötzl-Malikova 1982, Dok. XIV, S. 130

«...Messerschmied wird suchen, das Decret, welches er als Profeßors Adjunct noch von dem Herrn Grafen Losi erhalten hat, geltend zu machen. Ich glaube aber nicht, daß der Mann im Gehirn schon wieder vollkommen geheilt sey. Indeßen ist er deshalben bedauerungswürdig, und es wäre zu wünschen, daß zu seinem Unterhalte ihm was zum Besten geschehen könnte.

Herr Graf von Kaunitz, unser Praeses, hält in seinem Billet den Hagenauer im gegenwärtigen Falle für den Besten...»

1774

 

«Protokoll der X. ordentlichen Ratsversammlung der k.k. Akademie der vereinigten bildenden Künste» (20. Okt.)

Wien, Archiv der Akademie der bildenden Künste, Protokolle, Jahr 1774, fol. 16v - Vgl.: Pötzl-Malikova 1982, Dok. XVI, S. 130f.

«... Die ... Wahl eines Professors der Bildhauerey ist auf drey Subjekte mit einer gleichen Anzahl von 11 Stimmen, jedoch mit dem Unterschiede ausgefallen, daß nach dem selben Hochenauer am ersten, Müller am zweyten und Beyer am dritten Orte unterthänigst vorgeschlagen wird. Bei welcher Gelegenheit jedoch der akademische Rath es für seine Pflicht ansieht, in Ansehen Messerschmidts seine ehrerbietige Vorstellung zu machen.

Dieser Künstler hat bereits seit dem 1769 Jahre durch beykommendes Dekret eine Anwartschaft, die ihm bey gegenwärtiger Eröffnung der Professur ein vorzügliches Recht dazu ertheilt, dessen er nach dem diesseitigen unterthänigsten Ermessen nicht wohl entsetzt werden könnte, es wäre dann, daß seine zweydeutige Gesundheit ihn derselben unfähig machte.

Diese zweydeutige Gesundheit selbst aber ist eine Folge des Elendes und der betrübten Umstände, worinnen er sich aus Mangel des Unterhalts befunden hat.

Die anwesenden Künstler könnten ihm dessen ungeachtet das Zeugnis einer vorzüglichen Geschicklichkeit nicht versagen, vielleicht auch würde seine zuweilen irrescheinende Vernunft durch eine glückliche Lage vollkommen hergestellt werden.

Sollte jedoch irgend ein Bedenken obwalten, ihn zu der Professur selbst gelangen zu lassen, so empfiehlt der akademische Rath demselben dennoch dem mächtigen Schutze des hohen Protektorats, ob dasselbe vielleicht gnädig bewogen werden dürfte, für diesen unglücklichen und geschickten Mann bey ihro Majestät einzuschreiten, damit ihm ein kleiner Gehalt von etwa 200 Gulden mit dem Titel eines Hofstatuarius huldvoll ertheilt, auch an das kaiserl. königl. Hofbauamt, und wo sonst die Hofarbeiten bestimmt werden, der Auftrag erlassen würde, demselben vor anderen Beschäftigung zuzutheilen.»

1774

 

Vortrag Wenzel Fürst Kaunitz' an Kaiserin Maria Theresia (5. Dez.)

Wien, Archiv der Akademie der bildenden Künste, Verwaltungsakten 1774, fol. 52r-54v - Vgl. Ilg 1885, S. 28; Weiss 1924, S. 13-15; in extenso publiziert in: Pötzl-Malikova 1982, Dok. XVII, S. 131f.

«... Jeder dieser Gewählten hatte eine gleiche Anzahl Stimmen; mit dem Unterschied jedoch, daß sie in den geschriebenen Wahlzetteln ihren Ort nach der obenstehenden Ordnung erhalten haben. ...

Der einzige Umstand, den ich bey dieser Wahl in Unterthänigkeit zu erinnern habe, ist, daß der hiesige Bildhauer Franz Messerschmidt schon im Jahre 1769 von der damaligen Akademie-Direktion das dem gegenwärtigen Raths-Protokoll beyliegende Anwartschafts-Dekret, auf die Professorsstelle der Bildhauerey, und also ein Recht zu einem unmittelbaren Eintritt in das Amt, und die Besoldung des verstorbenen Schletterers erhalten hat.

Es ist aber in Ansehung dieses Mannes das wichtige Bedenken, daß er seit drey Jahren, es sey wegen seines Nothstandes, oder aus einer natürlichen Disposition einige Verwürrung im Kopfe hat wahrnehmen laßen, welche, ob sie schon sich seitdem gelegt hat, und ihm wieder, wie vorher, zu arbeiten erlaubet, dennoch von Zeit zu Zeit sich in einer noch nicht vollkommen gesunden Einbildung äußert.

Ich bedauere zwar die Umstände dieses sonst geschikten Mannes, und wünsche daß sie durch eine glücklichere Lage sich bessern mögen; kan jedoch EUER MAJST. niemals einrathen, einen Mann für die Akademische Jugend zum Lehrer vorzuschlagen, der von derselben bey jeder Veranlaßung den Vorwurf eines einmal verrükten, und noch nicht ganz heitern Kopfes zu leiden hätte; der alle übrigen Professores und Direktores für seine Feinde hält, noch immer seltsame Grillen in der Einbildung hat, und also niemals vollkommen ruhig seyn kan.

Die Akademie hat mit diesem ihrer Mitglieder Mitleiden, als welchem die vorbemerkte Ursache, eben da er seine Umstände durch die Einrükung in das Profeßorsamt verbessern könnte, im Wege steht. Sie bittet daher nach Inhalt des Protokolls EUER MAJST. allerunterthänigst, sich seines unglüklichen Schicksals in Gnaden zu erbarmen, und ihm Messerschmidt eine Pension von ein Paar Hundert Gulden großmüthigst zu ertheilen, auch demselben zu seiner Beschäftigung einige Arbeit von dem Hofbauamt verschaffen zu laßen, als zu deren Exequierung er auch dermalen geschikter, als zum Lehramte ist. Mit welcher Fürbitte auch ich die Meinige in tiefester Ehrfurcht vereinige.»

1777

 

Johann Adam Messerschmidt: Brief an Bruder F. X. in München (17. Jan.)

Bratislava, Archív mesta Bratislavy, Schriftlicher Nachlass des F. X. Messerschmidt - In extenso publiziert in: Ilg 1885, Dok. VII, S. 66f., Pötzl-Malikova 1982, Dok. XXIII, S. 134.

«Ich habe den 15ten Januari von Wien ein werthes Schreiben von Herrn Schmutzer embfangen, weillen aber dieses dich allein anbetreffet, so ist meine Schuldichkeit, dir es allsobaldt mein Liebster Bruder zu melden; das du an dem Herrn Schmutzer einem deierem aufrichtigen freinde gefunden habest, der dein wullsein auf das eiserste besorget. - Er schreibet mir, das Ihme dein Schiksall gar so sehr das Herze getroffen, welches dir deine geschätzte freinde zugetzogen haben, dessen ungeachtet aber seie Er zu dem Fürsten von Kaunitz gegangen und vor dich aufzeit lebenslang alljärl zwei hundert guden bension bewürket, in was vor einem Lande du wollest zu verziren. ...»

1777

 

F. X. Messerschmidt: Konzept für Antwort-Brief an den Bruder

Bratislava, Archív mesta Bratislavy, Schriftlicher Nachlass des F. X. Messerschmidt - In extenso publiziert in: Ilg 1885, Dok. VIII, S. 66f., Pötzl-Malikova 1982, Dok. XXIV, S. 134.

«Dein werthes Schreiben hab ich richtig empfangen, und darinn ersehen, was große Gnad der Fürst Kaunitz mir erwiesen und mir alle Jahr zwey Hundert Gulden als eine Pension schiken wolle, ich könne diese obengemelte 200 fl. verzehren wo ich wolle; dieses wäre fürwahr eine große Gnad, wenn mir auch so viele gute Arbeit angeschaffet, würde, daß ich als ein Ehrlicher Mann diese nicht umsonst, sonder rechtmäßig einnehmen und genießen könne, mit gröstem Dank gegen meinen besten Freunde, welchen ich nicht mehr in Deutschland zu finden hoffte, da ich schon acht Jahr von meinem Feind verfolgt, keine meiner Kunst gemässigte Arbeit bekommen hab, und immer aus meinem wenig ersparten zu leben gezwungen bin, ja es scheint, ganz Deutschland meyne, es sey mich zu unterdrücken ihr Pflicht.

Ich biete daher meine Arbeit an und mit diesen Beding will ich für meine Arbeit alle Jahr die versprochene 200 fl. anzunehmen mich keines wegs weiger...»

1777

 

F. X. Messerschmidt: Konzept für Antwort-Brief an Schmutzer (27. März)

Verschollen. Publiziert in Dux, Adolf: Néhány adat Messerschmidt ..., Századok, Jg. 1878, Budapest, S. 672 - In extenso publiziert in: Ilg 1885, Dok. X, S. 69f., Pötzl-Malikova 1982, Dok. XXVI, S. 135.

«...und also was von grossen Herren herkommt, kannn ich unmöglich mehr glauben; weil Ihre Schriften und Insigill keine Wahrheit enthalten und mann sich nicht darauff beruffen därffet. Zu diesem bin ich nicht gewohnt Almosen anzunehmen, sondern so lang ich noch jung und gesund bin, so getraue ich mich durch meine Kunst zu ernähren.»

1784

 

Johann Friedel

«Messerschmidt war Professor bey der Wienerischen Universität, aus der ihn einige Zänkereyen mit seinen Kollegen trieben. Es ist wahr, er hat seinen eigenen Kopf, aber einem so ausserordentlichen Genie hätte man immer seinen Kopf lassen, und nie zugeben sollen, sich zu entfernen.»

1785

 

Friedrich Nicolai

«Er war ein Mann von ungemeiner Stärke des Geistes und des Leibes. In seiner Kunst ein außerordentliches Genie; im gemeinen Leben ein wenig zur Sonderbarkeit geneigt, welches hauptsächlich aus seiner Liebe zu Unabhängigkeit entstand. Er wollte wenige Bedürfnisse haben, liebte nichts außer seine Kunst, und hatte in derselben alles sich selbst zu danken. Er besaß eine sehr lebhafte Imagination, und eine sehr leichte Hand (faire), mit der er alles sehr behende ausführte, was er dachte. (...)

Er kam ohngefähr 1768 nach Wien, wo er bey der Akademie als Lehrer der Bildhauerkunst angestellet ward. Alle Akademien sind Sammelplätze der Zänkereyen und kleinen Intriguen. Zu Wien war es außerdem von jeher Mode gewesen, daß die Künstler und die angesetzten Lehrer sich vor den Direktoren und dem akademischen Rathe tief hatten bücken und ganz von denselben abhängen müssen. Dieß war nun freylich keine Sache für einen Mann wie Messerschmidt, der keinen Künstler weiter als nach dem Grade seiner Geschicklichkeit schätzte. Er beklagte sich gegen mich sehr über viele Chikanen und Ungerechtigkeiten, die man ihm bewiesen hätte. Ich lasse dies dahin gestellt seyn. Genug, Messerschmidt verkaufte nach einiger Zeit alle seine Kunstsachen, Zeichnungen, Kupferstiche, Bücher, und andere Habseligkeiten; und zog nach Presburg, wo er sich in der Vorstadt Zuckermandl ein kleines Haus dicht an der Donau kaufte. Hier lebte er meistens von gemeinen Arbeiten, die bey ihm bestellt wurden, sehr sparsam, aber unabhängig und sehr vergrüngt. Ich fand ihn in diesem einsamen Häuschen, stark an Leibeskräften und bey heiterem Gemüthe. Er hatte etwas sehr Freymüthiges und Ungezwungenes in seinem Wesen, und wir wurden bald ziemlich vertraut, besonders da ich eine Empfehlung von einem Künstler brachte, den er in Rom gut gekannt hatte. Sein ganzes Hausgeräth bestand aus einem Bette, einer Flöte, einer Tabackspfeife, einem Wasserkruge, und einem alten italiänischen Buche von den Verhältnissen des menschlichen Körpers. Dies war alles, was er von den Sachen, die er ehemals besaß, hatte behalten wollen. Außerdem hing am Fenster auf einem halben Bogen die Zeichnung einer ägyptischen Statue ohne Arme, die er nie ohne Bewunderung und Ehrfurcht ansah. Dies bezog sich auf eine specifike Torheit Messerschmidts, die er bis zu einer erstaunlichen Höhe trieb, und darinn auf eine Art ausdauerte, die unglaublich seyn würde; wenn nicht schon aus meh rern Beyspielen erhellete, was ein fester Charakter, was Fleiß vereint mit Fanatismus und mit Liebe zur Einsamkeit, endlich hervorbringen kann.

Messerschmidt war ein Mann von feurigen Leidenschaften, und hatte dabey einen großen Hang zur Einsamkeit. Er war unfähig jemanden unrecht zu thun, aber erlittenes Unrecht empfand er sehr tief. Dadurch ward sein Charakter versauert, ob er sich gleich sonst in seinem frölichen Muthe nicht stören ließ.

Er lebte ganz für seine Kunst. Er war in allen Kenntnissen, die nicht zu derselben gehören, sehr unwissend, ob er gleich Fähigkeit hatte mehrere Kenntnisse zu erlangen und sehr lehrbegierig war. Er gerieth in Wien unter eine Gesellschaft von Leuten, die sich geheimer Kenntnisse, des Umgangs mit den unsichtbaren Geistern, und der Herrschaft über die Natur rühmen. Diese Art von Leuten ist in ganz Europa und besonders in Deutschland sehr zahlreich; sie verkrüppeln den Verstand unsäglich vieler Menschen. (...) Aber wenn diese unsinnigen Ideen auf einen guten Kopf würken, der ihre groteske Anlagen mit seiner natürlichen Scharfsinnigkeit ausbildet, so kommen of die sonderbarsten fructus ingenii in umbra sapientiae ludentis heraus, wovon ich mehrere auffallende Beispiele anführen könnte. (...)

Die allermeisten Menschen, wenn sie einen Mann in Messerschmidts Lage sehen, halten ihn entweder für einen außerordernlichen Menschen, oder erklären ihn geradezu für einen Narren, der keiner weitern Aufmerksamkeit werth sey. Ich aber glaube, es sey mit den Krankheiten des Geistes, wie mit den Krankheiten des Körpers: daß nemlich durch derselben genaue Kenntniß die wahre Beschaffenheit der Kräfte, die im Menschen liegen, und ihre eigentliche Wirkungen gar sehr erörtert werden können. (...)

Ich versuchte also auch von dem guten Messerschmidt zu erforschen, wie die Ideen in seinem Kopfe eigentlich zusammen hingen. Er drückte sich zwar etwas zurückhaltend und nicht ganz deutlich aus, wie er denn auch von dem was er dabey dachte, meistens sehr undeutliche Begriffe haben mochte. Indessen brachte ich ongefähr folgendes heraus. Daß es Geister [Anm.: Die kahle Philosophie der finstern Jahrhunderte, welche die Wirkung aller unbekannten Ursachen gewissen Geistern zuschrieb, wurmt jetzt wieder gewaltig in vielen unphilosophischen Köpfen, und wirkt bey ihnen oft Zutrauen und oft Bekümmerniß, wo keines von beiden hingehört. Wollten sie sich doch erst nur selbst einen Begriff von dem machen, was sie unter einem Geiste verstehen; so würden sie sehen, wie armselig ihre ganze Theorie ist, - wenn anders die schlauen Demagogen, welche den Verstand ihrer Schüler verkrüppeln, um sie besser zu ihren Absichten zu brauchen, dies zugeben wollten.] wären, die ihn besonders des Nachts so sehr schreckten und plagten, setzte er als ein unumstößliches Axiom voraus; und den würde er für seinen Feind gehalten haben, der es in seiner Gegenwart im geringsten hätte bezweifeln wollen. Nun setzte er hinzu: Er habe lange nicht begreifen können, daß er, der beständig so keusch gelebt, von den Geistern so viel Peinigung hätte erdulden müssen [Anm.: Welche traurige Folgen ununterbrochene Enthaltsamkeit haben kann, wenn sie mit schwärmerischer Anstrengung der Imagination verknüpft ist, kann man aus einem kleinen aber in seiner Art wichtigen Traktate sehen (...). Eben so war es auch mit Messerschmidt beschaffen.], da sie doch, der (schwärmerischen) Theorie zufolge, eben deswegen einen sehr angenehmen Umgang mit ihm hätten pflegen sollen. Mit einemmal aber sey es ihm eingefallen, und nun habe er der Sache nachgedacht, und das ganze System in aller Vollkommenheit erfunden, wie er, und schlechterdings jedermann, Herr über die Geister werden könnte. Der gute Mann kam auf den sehr wahren Satz: daß alle Dinge in der Welt ihre bestimmten Verhältnisse haben und daß alle Wirkungen ihren Ursachen entsprechen. Er trug ihn nur etwas unbestimmt und schielden etwa folgendermaßen vor: Es werde alles in der Welt durch die proportionen regiert, und wer diejenigen Proportionen an sich erwecke, welche der proportion des andern entsprächen oder ihr überlegen wären, müsse Wirkungen hervorbringen, welche der Wirkung des andern entsprechen, oder ihr überlegen seyn müßten. Aus diesem halbverstandenen Satze, vermischt mit seinen thörichten Ideen von Geistern und mit seinen Kunstkenntnissen, brachte er ein scharfsinnig scheinendes System voll Unsinns mit Methode verknüpft zu Stande, welches er nach Art aller Leute, bey denen die Einbildungskraft mit dem Verstande davon läuft, für untrüglich hielt. (...)

Er bildete sich gleichfalls ein: das nämliche Verhältniß was sich am Haupte eines Menschen finde, sey auch über den ganzen Körper einzeln ausgebreitet. (...) Wenn er in seinem Unterleibe oder an seinen Schenkeln Schmerzen empfand (wie dieß jedem Menschen, besonders dem der eine sitzende Lebensart führt, sehr leicht geschehen kann), so bildete er sich ein, dieß käme daher, daß er an einem marmornen oder bleyernen Bilde gerade an einer Stelle des Gesichtes arbeitete, welche mit einer gewissen Stelle der untern Theile des Körpers analog wäre. (...)Weil ihm seine eitelkeit einbildete, er habe über die Proportionen und deren Wirkungen ganz unerhörte neue Entdeckungen gemacht, und weil er mitten unter diesen Entdeckungen (vermuthlich wegen vielen anhaltenden Sitzens) im Unterleibe Schmer zen fühlte; so liess er sich träumen, der Geist der Proportion sey neidisch auf ihn, daß er der Vollkommenheit der Kenntniß der Proportionen so nahe käme, und verursache ihm daher diese Schmerzen. (...) Er gieng in dieser Theorie endlich praktisch so weit, daß er sich einbildete, wenn er sich an verschiedenen Theilen des Körpers, besonders in die rechte Seite unter die Rippen griffe, und damit eine Grimasse des Gesichts verbände, welche mit dem Kneipen des Rippenfleisches dias jedesmalige erforderliche ägyptische Verhältniß habe, so sey die höchste Vollkommenheit in dieser Sache erreicht. (...)

Nun gieng er wirklich hernach zu Werke: er kniff sich, er schnitt Grimassen vor dem Spiegel, und glaubte die bewunderungswürdigsten Wirkungen von seiner Herrschaft über die Geister zu erfahren. Er freuete sich seines Systems, und beschloß, es durch Abbildung dieser grimassirenden Verhältnisse festzusetzen und auf die Nachwelt zu bringen. Seiner Meinung nach waren es 64 verschiedene Abänderungen der Grimassen. Er hatte, als ich bey ihm war, schon sechzig verschiedene Köpfe, theils von Marmor theils aus einer Masse von Zinn und Bley, meist in Lebensgrösse, vollendet (...) Alle diese Köpfe waren sein Bildniß. Ich sah ihn am ein und sechzigsten Kopfe arbeiten. Er sah dabey jede halbe Minute in den Spiegel, und machte mit größter Genauigkeit die Grimasse, die er brauchte. (...)

[Zu den Schnabelköpfen, ths.:] Aber toll genug ist es, daß ein Bildhauer, der von den reinsten antiken Verhältnissen der menschlichen Gestalt ausging, durch eine verdorbene Einbildungskraft und durch unsinnige Hypothesen verleitet, sich endlich den Geist des Verhältnisses selbst unter einem Bilde des abscheulichsten Unverhältnisses, dessen eine menschliche Einbildungskraft nur fähig ist, vorstellen konnte.

Ein kleiner und beynahe lächerlicher Umstand erklärte mir übrigens, wie Unordnung des Körpers auf die Phantasie würkt, und wie ein verstörter Verstand wundersame Ursachen der Dinge außer sich sucht, wenn ganz naürliche im Körper selbst liegen. M. sagte mir, gleichsam im Vertrauen, ganz sachte: 'Als er voll Todesangst den Geist so oft und dieser ihn wieder gezwickt habe, sey der Geist, zum guten Glücke, plötzlich aufgesprungen, habe einen h---- Wind fahren lassen, und sei verschwunden. Wäre dieß nicht geschehen, so hätte er des Todes seyn müssen.' (...) es ist nicht das erstemal, daß trübsinnige Schwärmer ihre Blähungen, nachdem es kommt, für teuflische Anfechtungen, oder für göttliche Eingebungen hielten. (...)

Messerschmidt machte mein Bildniß in Alabaster in halberhobener Arbeit, welches ich noch zum Andenken dieses seltsamen Mannes und wirklich grossen Künstlers aufbewahre.»

1802

 

Hans Rudolph Füssli

«Seine Geschicklichkeit hatte ihm schon seit seiner Rückkehr von Rom Neider zugezogen, und sein im Grunde zwar redliches und rechtschaffenes, aber für den Umgang mit Akademikern in einer Residenz gar zu rusticales Betragen, machte ihm solche auch zu öffentlichen Feinden. - Er begriff nicht, daß ein ehrlicher Mann, wenn es auf Beurtheilung der Werke anderer ankommt, zwar immer wahr reden müsse, wenn es ohne Beleidigung und Schaden des andern geschehen kann, daß er aber auch nicht zu reden verpflichtet sey, wenn dadurch dem Gegentheile Unehre und Nachtheil zugezogen werden könnte. - Er lobte daher, was er für gut fand; schalt aber auch ohne Schonung, was ihm mißfiel, oder nicht gut zu seyn dünkte. - Es entstanden daher bey der Akademie häufiger Cabalen gegen ihn, und seine Feinde konnten um so sicherer gegen ihn spielen, da ihnen sein offenes Wesen, und sein cholerisches Temperament immer Blößen zu ihrem Vortheile darboth.»

1885

 

Albert Ilg

«Blättern wir in der Geschichte der Wiener Akademie, so überrascht uns die Beobachtung, dass der böse Genius des Institutes von jeher es einzurichten wusste, dass die trefflichsten Leute davongingen oder 'davongegangen wurden'. ... Die bureaukratisch-systematische Abrichtungsanstalt der Kunst kann ein Genius nur sprengen, niemals aber reformieren; wohl ihm, wenn er vorher frei geworden, ehe seine Kraft sich in der Sisyphusarbeit solch' a priori unmöglichen Versuchens entnervt hat.»

1909

 

Ludwig Hevesi

«Die Wiener Plastik hatte im achtzehnten Jahrhundert zwei große Freigeister: Georg Raphael Donner und Franz Xaver Messerschmidt. Beide waren gleich anerkannt und gleich verfolgt. Beide räumten mit der herrschenden Mode auf, jener mit dem Barock, dieser mit dem Rokoko, und kehrten zu einer natürlichen Natur zurück. Beide mußten dem Beamten- und Künstlerzopf weichen - wurden doch die Figuren des Donnerbrunnens zu einer Zeit, da die Keuschheit ein Kommissionsbegriff war, zur Einmagazinierung verurteilt - und beide fanden in Preßburg unter geistlichem Schutze zwei Fußbreit freien Bodens, um darauf zu stehen. Preßburg wurde damals für Wien, was Genf (Ferney, Coppet) für die Freigeister des königlichen Frankreich. Beide starben auch jung, aufgerieben vom Kampf ums Künstlerdasein...»

1920

 

Erica Tietze-Conrat

«Es ist ein tragischer Witz, daß wir den einzigen Einblick in des Künstlers geistiges Leben nur durch die Brille jenes seichten Aufklärers haben, der die Seelennöte des einsam Schaffenden im letzten Grunde als die natürlichen Folgen seiner sitzenden Lebensweise ansah. Und gerne sehen wir in den schrullenhaften Worten, die Nicolai uns als des Meisters geheimnisvolles Bekenntnis weitergibt, ein launiges Abblitzen des lästigen Interviewers.» (S. 29)

1932

 

Ernst Kris

«Eine erneute kritische Auswertung der Quellen, die über Messerschmidts Leben und Verhalten berichten, sichern die Tatsache, daß der Künstler g e i s t e s k r a n k war. Damit ist die Spezifität der Bedingung gegeben. [dafür, daß doch traditionelle Biographik betrieben werden dürfe, ths.] (S. 170)

In den Siebziger- und Achtzigerjahren des 18. Jahrhunderts gab es kaum ein zeitläufigeres Thema allgemeiner Bildung, als ... die Physiognomik. ... Die Frage nach der 'Natur des Menschen' wird von allen Seiten her gestellt... (S. 193)

Aus welchen Motiven die Zuwendung zum Selbstbildnis bei Ducreux erfolgte, ist nicht zu beurteilen. Man möchte meinen, daß er darin «übertrieben» habe, und ist geneigt, irgend eine psychische Ursache anzunehmen, die ihn eben an die Aufgabe des Selbstporträts gefesselt habe. (S. 202)

Die Art, wie Messerschmidt von seinem Wahne spricht, daß er dem Besucher in die tiefsten Geheimnisse seines Seelenlebens ohne Hemmung Einblick gewährt und sich dabei einer Symbolik bedient, deren Deutung in einigen Fällen ohne Schwierigkeiten möglich ist, kann nicht als Zufall betrachtet werden, sondern ist durchaus kennzeichnend - und zwar als Symptom kennzeichnend - für das Verhalten mancher Geisteskranker. Was beim Gesunden der Verdrängung unterworfen ist, bricht bei diesen Kranken an die Oberfläche vor. (S. 209)

...gewinnen wir aus der Art, in der er in diesem Falle [Lippenrot - Tiere, ths.; «aristotelischer Grundsatz von der Beziehung des menschlichen zum tierischen Kopfe»] die durch die Zeitanschauung gegebene Lehre verwendet, zwingend der Eindruck, daß diese nur den Vorwand abgeben muß, um die Entwicklung seiner Wahnvorstellungen zu ermöglichen... (S. 212)

...worin das Wahnhafte in Messerschmidts Anschauungen liegt: die Keuschheit als ethisch-religiöses Gebot, als Einschränkung der Befriedigung des Trieblebens gehört zum integrierenden Bestand der Kultur, als zwanghaftes Gewissensverbot im Leben des einzelnen gehört sie zu den Ursachen und zu den Symptomen gewisser psychischer Krankheiten, der Neurosen; wird das Verbot nach außen verschoben, tritt an die Stelle des Gewissens das Walten einer Geisterwelt, wird also die Motivierung mit Mitteln des magischen Denkens begründet, so steht man der Geisteskrankheit, der Psychose, gegenüber.

Das Gefühl des Verfolgtseins, das in seinem Brief aus den Münchner Tagen herrscht und das ihn offenbar schon seine Kollegen an der Wiener Akademie hat als Feinde empfinden lassen, läßt auf Elemente des Verfolgungswahnes, einer paranoiden Erkrankung schließen... (S. 213)

Diese Annahme über die Bedeutung von Messerschmidts Gehaben ist in voller Übereinstimmung mit der allgemeinen Erfahrung über das Verhalten der Geisteskranken namentlich der Schizophrenen. Längst erworbener Kulturbesitz wird abgebaut; die Kranken schreiten gleichsam zurück in der menschlichen Kulturentwicklung und zeigen in ihrem Vorstellungsablauf und in ihrem Denken Eigentümlichkeiten, die, aus der Erbmasse auftauchend, oft weit in die Entwicklungsgeschichte der Menschheit, in die Phylogenese zurückführen. Ihr seelisches Leben nähert sich dem der Primitiven. ... weil die Apotropaia zu den ältesten Mechanismen primitiver Geistesart und des magischen Denkens gehören. (S. 215)

...das Einziehen der Lippe muß nicht etwa bloß die allgemeine Bedeutung des Verleugnens der Sinnlichkeit haben, sondern könnte darüber hinaus noch als eine Abwehr jener sexuellen Strebungen des Unbewußten aufgefaßt werden, die femininen Charakter haben. Aus der Analogie zu veröffentlichten Krankengeschichten muß man mit der Möglichkeit rechnen, daß die Geister, die Messerschmidt in seinem Wahne sieht, zugleich strafende und verführende sind, solche, die ihn zu entmannen und als Weib zu mißbrauchen drohen. ... Es kann hier nicht weiter erläutert werden... (S. 217)

...die neuere Psychologie hat einsehen gelernt, daß die Geister, die den Kranken verfolgen, Triebansprüche und Vorstellungen seines Unbewußten sind, die er in die Außenwelt projiziert hat. (S. 218)

...als eben für jene Kranke, die an Verfolgungswahn leiden, der Versuch, ihre Wahnvorstellungen in ein in sich folgerichtiges und oft mit bewundernswerter Konsequenz durchgeführtes System zu ordnen, kennzeichnend ist. (S. 220)

Der starre Gesichtsausdruck ... erinnert unmittelbar an die Physiognomien mancher Geisteskranken. Es handelt sich um eine Leere des Blicks, um ein Fehlen des Affekts. ... es soll j e d e r Affekt vermieden werden, um der Wut auszuweichen, die aufgespeichert und ausbruchsbereit ist.

Die Wirkung, die die meisten Charakterköpfe Messerschmidts ausüben, ist aus ihrer Zwitterstellung zu verstehen; sie sind Wahngebilde und Kunstwerke zugleich.» (S. 221f.)

1933

 

Ernst Kris

«Wir können mutmaßen, daß die Defäkation für Messerschmidt die Schranke bedeutete, die ihn von seiner Umwelt trennte; oder vielleicht auch, daß die Kotstange für den analen Penis des Geistes stehe, den er aus seinem Leib zu entfernen sucht. (S. 138)

...der Künstler sich bemüht, die magische Bedeutung der Grimassen mittels äußerer Attribute zu verbergen, zum Beispiel mit wechselnden Frisuren oder einer Verfärbung der Gesichts-Konstellation mit einigen ausdruckshaltigen Elementen. Er versucht, die größtmögliche Anzahl von solchen Elementen zu rechtfertigen, die ihm seine Wahnvorstellungen und die magische Funktion vorschreiben; also dem, was ursprünglich nur für ihn selbst Bedeutung hatte und Teil seines wahnhaften Denkens war, einen für sein Publikum verständlichen (und sekundären) Sinn zu verleihen. (S. 140)

Die Fähigkeit des Künstlers [allgemein, ths.], Derivationen unbewußter Vorgänge in einer sozial und historisch angemessenen Weise einzusetzen, bildet wohl einen wichtigen Faktor seiner Gestaltungskraft.» (S. 141)

1965

 

Rudolf und Margot Wittkower

«Kaum ist zu vermuten, daß alle diese [Auftraggeber, ths.], oder auch nur einer von ihnen, sein Bildnis (und sein Geld) einem Künstler anvertraut hätten, von dem bekannt war, daß er verrückt ist. - Es ist auch kein Zeichen von Krankheit, wenn Messerschmidt seinen «privaten» Sachen eine 'private' Bedeutung verlieh. - Selbst Messerschmidts Kampf mit Geistern und Dämonen kann - als solcher - nicht zum Beweis seiner vom Normalen abweichenden Verfassung angesehen werden, außer man gibt gleichzeitig zu, daß eine beträchtliche Anzahl Menschen seit Jahrhunderten verrückt gewesen sei. ... Die höchsten Autoritäten unterstützten den Glauben an das Dasein teuflischer und dämonischer Kräfte, wie durch die bloße Existenz der Inquisition zur Genüge bewiesen wird. Es wäre gut, sich zu erinnern, daß die letzten beiden Hexen, die durch wahrscheinlich völlig gesunde Richter verurteilt wurden, 1775 und 1782 enthauptet wurden, die eine in Deutschland, die andere in der Schweiz. ...

Sein Drang nach einem reinen Leben erscheint vielleicht in einem anderen Licht, sobald wir daran erinnern, daß nicht nur die Kirche, sondern auch die geheimen Sekten großen Wert auf Enthaltsamkeit legten und sie als Voraussetzung für wirkliche Einsicht und durchdringendes Wissen ansahen. ... Selbst die eigentümlichsten Ansichten können bei einem einzelnen nicht als Zeichen von Verrücktheit gewertet werden, wenn sie von Tausenden jahrhundertelang geteilt werden. - Nichtsdestoweniger kann Messerschmidt völlig übergeschnappt gewesen sein - wahrscheinlich war er es. ...

Der Leser mag ... finden, daß das Aufspüren sich monoton gleichbleibender unterbewußter Triebe historische Situationen eher verdunkelt als erhellt.» (S. 123ff.)

1966

 

Lorenz Eitner

«...Messerschmidt was neither in tune with his time, nor entirely alienated from it. His artistic personality was injured, but not debilitated, by sickness; the conflict within him irritated his imagination and concentrated his energies: it was the fortunate flaw which raised his later above his earlier works and above those of his more ordinary contemporaries. Seen purely from the point of view of style and execution, the famous heads show no signs of abnormality, unless their perfect finish and Messerschmidt's deliberate choice of hard [soft! ths.] and polished materials is to be considered as perverse or obsessive. ... in the midst of his delusions he retained control of all his conscious resources, never falling into incoherence, rambling, or vacant embroidering. ...

Set against the background of the general history of style in their time, his bizarre heads do not appear as freaks, but as the work of a progressive and cosmopolitan artist, aware of the issues of his day. ...

The case of Messerschmidt proves that eccentricity, even if carried to the point of madness, can accentuate talent and promote originality so long as it does not lead to complete disorganization and breakdown. ... But madness or eccentricity ... can modify or stimulate, they cannot themselves produce vital art. ... l'art brut exists on levels which, until the most recent present, have been isolated from the world of high art. Romako's fall was not the unavoidable consequence of his development of a personal style, it was the result of his turning against the taste of the society which had patronized him.

In forming the eccentric style of his late years, he exiled himself from the world of approval and success, not unlike Messerschmidt, a century earlier. In the opinion of contemporaries, such a withdrawal indicated abnormality. ... The eccentrics of the past anticipated the present norm.»

1976

 

Florentina Pakosta

«Für mich sind die Charakterköpfe eine Antwort des Bildhauers auf das, was er erlebt hat, ein Ausbruch aus der Welt des barocken Pathos, der vorgetäuschten Ordnung, in eine Welt der Realität. Sie verspotten und attackieren das galante und elegante Rokoko. ... Messerschmidt scheint mit seinen Charakterköpfen sagen zu wollen: 'Schaut her, so seht ihr in Wirklichkeit aus!'

Die Charakterköpfe und ihre Wirkung sind im Zusammenhang zu sehen mit der politischen und sozialen Struktur des 18. Jahrhunderts, mit der Herrschaft von Kirche und Adel. Vor allem mit der ideologischen Krise dieses Systems...

Rauschende Feste, schaukelnde Damen in prachtvollen Gewändern, im Gebüsch verborgene Liebhaber und putzige Engerl waren beliebte Themen... Inmitten von Kunstwerken dieser Art mußten die Messerschmidtschen Charakterköpfe wie ein Faustschlag wirken. ... Und wenn man auch über sie lachte, dann wußte man doch genau, daß diese Köpfe gefährliche Gedanken hervorrufen können. Einer von ihnen ist der Gedanke der Gleichheit.»

1980

 

Gilles Deleuze & Felix Guattari

In: Mille Plateaux, Paris 1980. Zit. n. Gazzetta 2/2000, Pro Litteris, Zürich 2000, S. 84

«... Visage-bunker. ... Oui, le visage a un grand avenir, à condition d'être détruit, défait. En route vers l'asignifiant, vers l'asubjective.»

1981

 

Otto Glandien

«Nur seine [Kris', ths.] aus dem damaligen psychologischen Verständnis gestellte Diagnose Schizophrenie oder paranoide Psychose kann eben nicht mehr festgehalten werden. Was Kris in seinen Ausführungen meint, kann ja ... durchaus als Paranoia verstanden werden. (S. 90)

Psychiatrische Kriterien, die auf eine durchschnittliche Mehrheit von Patienten angewandt werden können, werden einem hochbegabten und sensiblen Künstler wie Messerschmidt nicht in vollem Umfang gerecht.» (S. 105)

1982

 

Maria Pötzl-Malikova

«...kam es im Leben Messerschmidts zu einem tragischen Bruch, dessen innere Ursachen unserer Erkenntnis wohl für immer verschlossen bleiben werden und deren äußere Erscheinungsformen wir in seiner Vita nur sehr lückenhaft verfolgen können. Was sich in der Zeit um 1771/72 im Haus an der Ungargasse abspielte und welche Zwänge und Nöte der Künstler hier zu durchleben hatte, ist für die Nachwelt schwer durchschaubar. Fest steht nur, daß Messerschmidt in dieser Zeit eine psychische 'Schwelle' überschritten hat, auf die wir nur aus dem künstlerischen Resultat dieser 'anderen Seite' [s. Alfred Kubin] gewisse Rückschlüsse ziehen können.

...müssen wir auf eine psychische Krankheit schließen, die sich damals bei ihm offen manifestierte. Es ist anzunehmen, daß er ihr nicht vollkommen verfallen ist und daß er sich nach kurzer Zeit wieder etwas erholen konnte, sein ganzes Leben blieb aber davon überschattet.» (S. 46f.)

1983

 

Luigi Ronzoni

«Sind Kriterien eines Zeitstils als Krankheitssymptome interpretierbar? Jedenfalls sind die Köpfe Zeugnisse für die Auseinandersetzung des Künstlers mit seinem Ego und dem Menschenbild schlechthin.»

1983

 

Hans-Georg Behr et alii

«...konnte sich Kaunitz an die Verwirklichung eines lang gehegten Planes machen: die Errichtung einer Konkurrenzinstitution zur alten Akademie der Künste. Schmutzer wurde 1766 mit der Gründung der 'K.k. Kupferstecherakademie' beauftragt. Kaunitz selbst übernahm das Protektorat, sein Sohn Joseph Graf Kaunitz wurde Präses, der Aufklärer Joseph von Sonnenfels Sekretär. Bereits wenige Jahre später war Kaunitz der einflußreichste Mäzen des Wiener Hofes, der die Vergabe sämtlicher Staatsaufträge kontrollierte. 1770 starb dann sein größter Widersacher, Martin van Meytens, der sich bis zuletzt gegen die Machtausweitung des Fürsten in den Kunstbereich gewehrt hatte und dafür von Schmutzer in öffentlichen Polemiken geschmäht worden war. ...

Der Zusammenfassung aller bisherigen Lehrstätten zur neuen 'K.k. vereinigten Akademie der bildenden Künste' stand nichts mehr im Wege. Fürst Kaunitz übernahm das Protektorat, Joseph Graf Kaunitz wurde Vorstand des akademischen Rates, Joseph von Sonnenfels Sekretär, die Leitung des Hofbauamtes übernahm Ernst Christoph Graf Kaunitz, der älteste Sohn des Fürsten.

...wurden die Aufträge für das erste große Hofprojekt nach dem Putsch vergeben... Von allen Bildhauern der alten Akademie erhielt nur Schletterer einen kleinen Auftrag. (S. 26f.)

Hatte Messerschmidts Erkrankung 1769/70 und die spätere 'Verwürrung im Kopfe', die zur Begründung seiner Ablehnung als Professor der Akademie herhalten mußte, auch mit der Giftwirkung des Bleis zu tun? [Vgl. die durch Nicolai überlieferte Symptomatik, ths.] ... Es könnte das Geheimnis jenes 'manischen Schubes' sein, die endogene Erklärung, und es spricht einiges für diese Vermutung. ... Vor allem 1769 und 1770 hat Messerschmidt riesige Mengen dieses Metalls verarbeitet... Seine erste Erkrankung könnte also durchaus eine schwere akute Bleivergiftung gewesen sein, seine spätere 'Verwürrung', die festgestellt wurde, als er gerade seine ersten 'Portreen' in Blei goß, verstärkt durch Bewußtseinsstörungen nach erneuter Bleiaufnahme. Da Blei im menschlichen Körper nicht abgebaut werden kann, eine Aktualisierung einer bereits chronischen Vergiftung.» (S. 66)

1984

 

Maria Pötzl-Malikova

«Diese Empfindungen als Folge einer Bleivergiftung zu interpretieren ... bleibt bisher eine durch nichts belegte, problematische Hypothese. (S. 56)

...die ausgeprägte Komik mancher Köpfe ... ist ... wahrscheinlich eine zufällige Begleiterscheinung einzelner Grimassen.»

1984

 

Jörg Oberhaidacher

«Erst wenn man erkennt, daß es sich bei den physiognomischen Konfliktsituationen, die sich in den Grimassen spiegeln, um den künstlerisch letzten relevanten Einbruch antiklassischer Formprinzipien in eine illusionistische Formenwelt handelt, versteht man den Zusammenhang der 'Charakterköpfe' mit Vorbildern, die Jahrhunderte früher entstanden sind, um vieles besser. (S. 34)

Sieht man die seelischen Bereiche ... nur als den Ort an, an dem die antiklassischen Impulse eine Heimstätte fanden...» (S. 39)

1986

 

Victor Chan

«When we review Nicolai's account, except for this contact with spirits, there is little to indicate from behavior to attitude that Messerschmidt was insane. ... The legitimate reasons for Messerschmidt's strange practice of producing these grimacing busts, therefore, must be sought in his artistic, social, and political background. ...

In light of his own description of a tormenting 'Spirit of Proportion', the whole concept of proportions must have haunted and plagued him. His struggle to overcome the Spirit's domination thus could be described as an attempt to conquer the narrow and confinig rules of academic teaching and practice. On the other hand, rigid and definable as the theories on proportions are, they, nonetheless, symbolized the mysterious order governing the universe. In this way, theories on proportion are both a contradiction and a complement to esoteric knowledge. ... Messerschmidt appeared to have combined the two and exploited them to the fullest. ...

In form and content, these unexpected modes of presentation and convulsive images of popular morality seem to reexamine the acceptable norms - precisely those connotations of the harmonious, the regular, the moral, the tasteful, the rational, perfect, mathematical proportions and the established order of the Vitruvian academicians. What they pose is a new set of aesthetic alternatives to the geometric order of Neoclassicism and the propagandistic heroics of the Baroque, the two main artistic styles in which Messerschmidt was trained and practiced as a professional sculptor. ...

The grimacing heads clearly represent not just Messerschmidt, but the image of an artist who must live according to the mundane rules of reality as soon as his art comes under scrutiny and attack. ... Alienated from any former or present dependable association, Messerschmidt had little to do but concentrate on the study of himself, registering his own unyielding spirit in the form of a subtle protest spiced with sardonic humour. ...

The sense of emancipation from the Academy and from traditional patronage had been a strong artistic current throughout the eighteenth century. Artistic independence, however, frequently resulted in solitude and isolation. To depart from the norm, from what is acceptable and respectable, would be seen as a form of abnormality that society considered as mad. ...

Obviously, the academicians disliked Messerschmidt and it must have been their recommendation that made the Prime Minister decide against the appointment of Messerschmidt as a Full Professor in Sculpture. Here the implication of madness deserves some attention. For all we know, Messerschmidt might not have been mad at all. If he was, one has yet to discover reasons for the artist not having been immediately dismissed by the Academy after his illness in 1770. ...

Messerschmidt's stand on art and his contact with spiritualists such as Mesmer would be a threat to the order, harmony, and control of the Academy, and, by extension, of the state. The well-proportioned, the well-balanced and the well-regulated premises of the establishment had to be strictly observed and upheld. Any deviation from this accepted pattern would be a form of perversion and malignity. An interruption in «the rhythms of collected life» would be a violation of the central code and could not be tolerated. -; By the beginning of the 1770s, if not actually earlier, Messerschmidt posed a serious dilemma for the academicians. The dilemma would turn into a crisis when Messerschmidt began to sculpt the series of character heads while still working in the Academy. What Messerschmidt attempted to accomplish in the series must have alarmed his academic colleagues, for these works carry a non-conformist rhetoric, in form and content. By expanding the conventional principles of aesthetics and rules of decorum, Messerschmidt was directly offering an alternative, reformist program and indirectly assaulting the hegemony of institutions and society. To overthrow an organized mode of thinking and the fashionable avant-garde practice of Neoclassicism was to attack what is fundamental to the Academy. And not participating in the program of the institution, but following one's natural instincts and appetites uncontrolled by reason and discipline, was, in the eighteenth century, a form of unreason, or madness. ...

It would seem to be the academicians' rightful duty, and society's too, to suppress and exclude unreason, the antisocial, and the unsocial, and inevitably to exclude Messerschmidt so as to preserve ther ideological certainty and domination. -; This was Messerschmidt's particular reality. If he chose to be 'unreasonable', and thereby bore the consequence of bein labelled mad, it would be a self-induced, an inspired kind of madness.

... Messerschmidt's characterization in these sculptural busts, in my estimation, is neither a rhetorical exaggeration, nor a symptom of his madness, but an intellectually radical expression of his outlook as a social and artistic critic.»

1992

 

Katalin Hàmori

«Die 'Charakterköpfe' können in erster Linie mit den naturwissenschaftlichen Beobachtungen und physiognomischen Forschungen der Aufklärung in Parallele gebracht werden. - Er stand in näherer, beinahe freundschaftlicher Beziehung zu seinen zu den Anhängern der Aufklärung gehörenden Auftraggebern, die von ihm schon klassizistische Werke, hauptsächlich Porträts erwartet haben. Weiterhin ist es das allgemeine physiognomische Interesse der Aufklärung, welches sich in den nach dem Vorbild der klassizistischen Porträts verfertigten 'Charakterköpfen' widerspiegelt.» (S. 240)

1993

Giovanni Gurisatti

«...reali intenzioni di Kris: il suo ossessivo ritornare sul limite si rivela come un invito martellante a oltrepassarlo, in un testo di fatto non ancora psicoanalitico, che tuttavia è un vero e proprio rito di iniziazione (rite de passage) alla psicoanalisi dell'arte. (S. 98)

...il segno espressivo del carattere e della passione si muta in sintomo cifrato della malattia; la visione intuitiva, empatica del volto si trasforma in decifrazione metodica di una simbolica del profondo.

Dunque: fallimento della fisiognomica (della storia della cultura) - necessità della psicanalisi. ... Ciò che, in ultima analisi, determina l'enigmaticità dell'opera die Messerschmidt, sono 'i presupposti psichici più profondi della vita dell'artista', e ciò rende inaccessibili le sue 'smorfie' a qualsiasi approcio tradizionale alla questione del volto e della sua rappresentazione. Soltanto un'indagine propriamente simbolica può avere ragione della loro enigmatica inespressività. (S. 102)

Ma che cos'ha, l'uomo, di più familiare del proprio stesso volto? E com'è possibile che proprio il volto possa diventare perturbante? Nella smorfia, appunto. (S. 109)

Tutta la negatività, la disperazione, la sconfitta e l'orrore della vita di Messerschmidt si esprimono in quanto c'è di perturbante nelle sue 'smorfie'. Ma per un occhio esteticamente etico, l'unico davvero in grado di guardare in faccia i suoi busti 'fisiognomici', la smorfia perturbante è, in realtà, una smorfia sublime.» (S. 111)

1994

 

Axel Christoph Gampp

«Eine bürgerliche Umdeutung aristotelischer Katharsis zeitigt ... nicht einen 'besseren Menschen', sondern beschränkt sich zunächst darauf, dem Betrachter seine Empfindungsfähigkeit ins Bewusstsein zu bringen, indem ihn das Kunstwerk in eine bestimmte Befindlichkeit versetzte, die nicht a priori ethisch konnotiert ist und sich auch nicht näher definieren lässt. Gerade in dieser Offenheit liegt auch der moderne Aspekt der Messerschmidtschen Serie...» (S. 31f.)

1997

 

Peter Gorsen

«Die in edlem Alabasterstein verewigten Schnabelköpfe konnten den Herold der Aufklärung [Nicolai, ths.] nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie dazu ausersonnen waren, die lebensbedrohenden, proportionsfeindlichen Dämonen 'unter einem Bilde des abscheulichsten Unverhältnisses' dingfest zu machen. Sie waren lediglich Ausdruck des Verfolgungswahns, den zu bewältigen nicht in die Kompetenz der als zweckfrei definierten Kunst fiel. Nicolai verstand die angstbannenden schnabelbewehrten Köpfe psychologisch richtig als Abwehrzauber, damit die bedrohte Ratio 'endlich über den Geist Macht bekomme, und nicht mehr der Geist über' sie. Damit hatte er aber gleichzeitig die Ästhetik der Vernunft und jede ihr verpflichtete Kunst, die diesen Namen verdient, von jeder Form abgegrenzt, in der die magische Bedeutung überwiegt. (S. 75)

Die für die 'schizophrene Kunst' und die Art brut der Moderne befreiende, exemplarische Tat der Interpretation von Kris bestand darin, dass er Messerschmidts Formensprache nicht in einen verständlichen, vernünftig begründeten und einen 'unsinnigen', wahnhaft verzerrten Anteil auseinanderdividierte, sondern beide Anteile in einer 'Zwitterstellung' zusammenschloss: 'die meisten Charakterköpfe Messerschmidts (...) sind Wahngebilde und Kunstwerke zugleich'.» (S. 76)

1998

 

Gisold Lammel

«Es ist auffällig, dass Messerschmidts Arbeit an jener Kopfreihe kurz nach seiner Auseinandersetzung mit der klassizistischen Auffassung und Gestaltungsweise erfolgt ist. So muten seine Ausdrucksstudien als Entgegnung auf jene These von der Schönheit als höchstem Endzweck der Kunst an, wie sie Klassizisten, allen voran Winckelmann, vertreten haben, als eine Hinterfragung des Strebens nach Formvollendung und der Idealisierungsbemühungen.» (S. 80)

1999

 

Maraike Bückling

«Um das wahre Wesen des Dargestellten zu zeigen und um seine Menschlichkeit vor Augen zu führen, greift er zum Mittel der Häßlichkeit und der Irritation, wie die Porträts von van Swieten aus der Zeit um 1770 oder auch von Martin Georg Kovachich von 1782 zeigen.

Damit war allerdings die Frage nach der tiefsten Wahrheit des Menschen - über seine individuelle körperliche Erscheinung hinaus - noch immer nicht voll ausgeschöpft. Als Weg, dem inneren Wesen des Menschen nahezukommen, befaßt sich Messerschmidt immer intensiver mit der künstlerischen Darstellung seelischer Regungen. Diesem Thema sind die sogenannten Charakterköpfe gewidmet.»

2002

 

Michael Krapf

«Das durchaus 'Moderne' an Messerschmidts Wollen bei der Herstellung der 'Charakterköpfe' ist ..., dass sein Anliegen der seriellen Selbstbefragung über die Periode des 'Sturm und Drang', über Romantik und Secessionismus um 1900 in der aggressiven Selbstbefragung der Künstler und Wissenschaftler unserer Tage - etwa eines Arnulf Rainer oder Tony Bevan - wiedererkannt werden kann. (Hierher gehört auch die höhnisch herausgestreckte Zunge von Albert Einstein.) So gesehen ist Messerschmidt eine Forschernatur - wie seine Gönner und Freunde van Swieten und Mesmer -, der im Umweg über das 'Präparat' oder den Ausdruck der spezifischen 'Leidenschaft', wie etwa zuvor ein Leonardo da Vinci die Malerei als Wissenschaft ('scientia') begriff.» (S. 11)

© 1997/2003 th.schmid

> index > life > table > pairs > quotes > biblio > more > mail